Raum für deine eigenen Gefühle

Echte Gefühle
Foto: Danka & Peter
Letzte Woche hatte ich mich (und dich) gefragt, ob wir schon so tief gesunken sind, dass wir wirklich immer und überall bespaßt, motiviert, beglückt, getröstet und ermuntert werden müssen.

(Meine Antwort auf diese Frage ist übrigens ein entschiedenes „Hoffentlich nicht!“)

Die gleiche Frage stelle ich mir aber auch anders herum.

Denn es sind ja nicht nur die künstlichen positiven Emotionen, mit denen wir sozusagen überflutet werden.

Auch die „negativen“ Emotionen… Leid, Angst, Trauer, Schmerz, Verlust, Scham, … auch die werden überall künstlich hochgepuscht und über uns ausgegossen.

Ganz egal ob in den Nachrichten, den Romanen der Bestsellerlisten oder in Vorabendserien: Gut ist es nur, wenn gelitten wird.

Möglichst stark gelitten.

Und zwar so, dass wir entweder gründlich mitleiden können. Oder dass wir das fremde Leid mit Schadenfreude betrachten und uns genüsslich zurücklehnen können.

(Du findest das übertrieben? Dann lies mal z.B. in den „seriösen“ Berichten zum Brexit zwischen den Zeilen.)

Unsere Emotionen werden überall systematisch manipuliert. (Und das Schlimmste ist, dass wir das sogar noch genießen und einfordern!)

Natürlich ist das nur allzu menschlich. Und natürlich sind wir eher bereit, etwas zu lesen/anzusehen/anzuhören/aufzunehmen, wenn Gefühle mit im Spiel sind.

Gefährlich wird es meiner Ansicht nach dann, wenn wir uns alle Emotionen nur noch von außen holen. Schließlich gibt es genug von diesen künstlichen Emotionen, dass wir uns mit unseren eigenen nicht mehr unbedingt auseinander setzen müssen.

Von der schieren Gefühlsmenge da draußen sind wir sowieso schon überfordert. Und Spaß macht es ja auch noch irgendwie, wenn man „fremdleiden“ kann.

Aber wo bleiben da deine eigenen, echten Gefühle? Spürst du die überhaupt noch? Und wie kannst du sie noch authentisch ausdrücken?

Muss sich alles gut anfühlen?

Gestern, in der Filiale einer großen deutschen Drogeriemarkt-Kette.

Unser Toilettenpapier war fast alle, dringender Handlungsbedarf daher gegeben.

Ich stand also vor dem Toilettenpapier-Regal und betrachtete etwas fassungslos das Angebot. Die Eigenmarke der Drogeriekette bot nicht weniger als VIER unterschiedliche Designs an. Wohlgemerkt vom selben Toilettenpapier.

(Übrigens alle als „Limited Edition, nur für kurze Zeit erhältlich“, was ich ja an sich schon albern finde. Kauft wirklich jemand Toilettenpapier, weil es grade hübsch aussieht und er dieses Design nur für kurze Zeit bekommen kann? Ich kaufe das immer dann, wenn wir es brauchen. Aber gut.)

Was mich so sprachlos gemacht hat, das waren die Designs an sich.

Nun reden wir, wohlgemerkt, von Toilettenpapier. Du weißt schon, was man damit in aller Regel macht.

(Obwohl es sich auch ausgezeichnet als Lesezeichen eignet, aber das nur am Rande.)

Diese Designs waren alle… klebrig-süß. Über-optimistisch. Super-motivierend.

Rosa Wölkchen. Niedliche Landschaften mit süßen Kätzchen. Entspannende Blümchenranken. Kuschelige Wohlfühl-Botschaften.

(Okay, zugegeben, mit den Kätzchen habe ich übertrieben. Aber du kannst dir vorstellen, was ich meine, oder?)

Und da frage ich mich doch:

Künstliche Motivation

Müssen wir uns denn wirklich immer und überall wohlfühlen?

Kann man nicht auch einfach mal was erledigen? (im übertragenen Sinne natürlich… 😉 )

Oder (wie schrecklich!) etwas Unangenehmes aushalten? Müssen wir uns unbedingt in rosa Watte packen, weil wir unser Leben sonst nicht mehr ertragen?

Wie weit ist es gekommen, wenn wir uns selbst auf der Toilette noch motivieren und betüdeln lassen müssen?

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Dich selbst aushalten

Es ist nicht immer einfach, alles auszuhalten, was das Leben so mit sich bringt. Rückschläge und Niederlagen. Abschied und Trennung. Neuanfang und Veränderung. Bestimmte Situationen und manche Menschen.

Am Schwersten ist es aber, dich selbst auszuhalten. Deine Gedanken und deine Gefühle – vor allem die, die nicht positiv sind, die dir keine Freude machen. Die Gefühle und Gedanken, die du manchmal nicht mal vor dir selbst zugeben möchtest. Angst, Scham, Wut, Hass, Unsicherheit, Verzweiflung, Trauer.

Dich selbst auszuhalten bedeutet, deine Gefühle auszuhalten – alle deine Gefühle. Auch die Angst.

Wir alle haben im Lauf unseres Lebens Strategien entwickelt, wie wir diesen Gefühlen ausweichen oder sie verdrängen. Fernseher, Computer oder Smartphone. Alkohol, Zigaretten oder zuviel Kaffee. Ablenkung und Unterhaltung, allein oder durch andere. Hirnlose Shows oder seichte Bücher mit den überbordenden Gefühlen von Kunstfiguren.

Beobachte dich mal dabei: Wann und vor allem wie weichst du deinen eigenen Gefühlen aus?

Wenn du dir selbst gerecht werden willst, deinem ganzen Selbst, dann wirst du dich selbst aushalten müssen – dein ganzes Selbst. Auch die Teile, vor denen du bisher lieber davongelaufen bist.